Die Straße von Hormus ist eine der engsten und zugleich bedeutsamsten Meerengen der Welt. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit dem Indischen Ozean. Auf ihrer schmalsten Stelle misst sie lediglich rund 50 km, wobei die eigentlichen Schifffahrtskorridore - je eine Spur für ein- und auslaufende Tanker - nur etwa drei Seemeilen breit sind. Im Norden liegt Iran, im Süden Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese geographische Enge macht die Meerenge zu einem der kritischsten Chokepoints der globalen Schifffahrt.
Was die Straße von Hormus von anderen strategisch wichtigen Meerengen wie dem Suezkanal oder der Straße von Malakka unterscheidet, ist ihre absolute Alternativlosigkeit für die meisten Anrainerstaaten des Persischen Golfs. Während etwa der Suezkanal theoretisch durch den langen Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung umgangen werden kann - mit erheblichem Zeit- und Kostenmehraufwand -, gibt es für den Großteil des Öls und Gases aus dem Persischen Golf schlicht keine praktikable Ausweichroute. Die Meerenge ist die einzige Seeverbindung zwischen dem Golf und dem offenen Meer.
Die schiere Menge an Energie, die täglich durch die Straße von Hormus fließt, ist schwer vorstellbar. Im Jahr 2024 passierten im Durchschnitt rund 20 Millionen Barrel Rohöl täglich die Meerenge - das entspricht knapp einem Fünftel des gesamten weltweiten Ölverbrauchs. Hinzu kommt ein erheblicher Anteil des globalen Handels mit verflüssigtem Erdgas (LNG): Etwa 20% des weltweit gehandelten LNG durchquert die Meerenge, hauptsächlich aus Katar stammend, das zu den weltgrößten LNG-Exporteuren zählt.
Die wichtigsten Exporteure, deren Öl durch die Straße von Hormus fließt, sind Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Gemeinsam repräsentieren diese Staaten einen erheblichen Teil der weltweiten Ölreserven und Förderkapazitäten. Der Hauptabnehmer dieses Energiestroms sind die asiatischen Volkswirtschaften: Etwa 80% des durch die Meeresenge transportierten Öls und Gases ist für asiatische Märkte bestimmt, allen voran China, Japan, Südkorea und Indien.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Abhängigkeit Chinas: Über 90% des iranischen Öls geht nach China, und ein sehr erheblicher Teil der gesamten chinesischen Ölimporte durchläuft die Straße von Hormus. Damit hängt die Energieversorgung der weltgrößten Volkswirtschaft - und damit die globale Lieferkette für unzählige Industriegüter - entscheidend von dieser 50 km schmalen Wasserstraße ab.
Kaum ein anderes geopolitisches Ereignis kann den Ölpreis so schnell und so drastisch bewegen wie eine Schließung oder auch nur eine ernsthafte Bedrohung der Straße von Hormus. Die Märkte reagieren auf solche Signale mit einer Mischung aus rationaler Angebotsrechnung und spekulativer Risikoprämie.
Ökonomen unterscheiden bei einer Blockade typischerweise zwischen kurzfristigen Schockeffekten und mittel- bis langfristigen Marktanpassungen. Kurzfristig - also innerhalb von Stunden bis Tagen - können die Preise dramatisch ansteigen. Allein die Ankündigung oder Andeutung einer Blockade hat in der Vergangenheit regelmäßig für zweistellige prozentuale Anstiege gesorgt. Bei einer tatsächlichen vollständigen Sperrung würden dem Markt schlagartig bis zu 20 Millionen Barrel pro Tag entzogen - eine Menge, die durch keine anderen Quellen kurzfristig ersetzt werden könnte.
Zum Vergleich: Die strategischen Ölreserven der IEA-Mitgliedsstaaten belaufen sich auf mehrere Milliarden Barrel, die koordiniert freigegeben werden könnten. Doch selbst diese Reserven könnten eine vollständige Blockade nur für einen begrenzten Zeitraum abpuffern - schätzungsweise einige Monate. Danach würde die physische Knappheit den Preis in Regionen treiben, die seit der Ölkrise von 1973 nicht mehr erreicht wurden. Szenarien mit Preisen von 150, 200 oder gar 300 US-Dollar pro Barrel sind in seriösen Risikoanalysen durchgespielt worden.
Die Wirkung auf die Weltwirtschaft wäre nicht linear, sondern würde sich durch verschiedene Kanäle multiplizieren. Steigende Energiepreise treiben unmittelbar die Produktionskosten in fast allen Industrien. Transport, Petrochemie, Landwirtschaft (Düngemittel), Kunststoffproduktion und Stromerzeugung sind direkt betroffen. Mittelbar steigen die Preise für nahezu alle Güter, was zu einer Stagflation führen kann - also einem toxischen Mix aus Inflation und wirtschaftlicher Stagnation, der für Zentralbanken besonders schwer zu bekämpfen ist.
Die Straße von Hormus ist nicht nur eine Energieroute. Sie ist ein fundamentaler Baustein der globalen Lieferketten, die seit den 1990er Jahren zunehmend auf das Just-in-Time-Prinzip ausgerichtet wurden. Dieses Prinzip, das Lagerkosten minimiert und Kapital freisetzt, funktioniert nur dann, wenn Lieferketten stabil und vorhersehbar sind. Eine Blockade der Meerenge zerstört diese Vorhersehbarkeit auf einen Schlag.
Die Folgen sind mehrschichtig. Erstens verteuert sich Energie - und damit direkt die Herstellungskosten. Zweitens geraten petrochemische Vorprodukte, die ebenfalls in erheblichem Maße aus dem Persischen Golf kommen, in Knappheit. Kunststoffe, Kunstfasern, Düngemittel - all diese Grundstoffe moderner Industrie- und Landwirtschaft hängen an der Verfügbarkeit von Öl und Gas aus der Region. Drittens führt die Unsicherheit selbst zu einem Einfrieren von Investitionsentscheidungen und einer Eintrübung des Geschäftsklimas weit über den eigentlichen Energiesektor hinaus.
Besonders exponiert sind asiatische Produktionszentren, die für die globale Konsumgüter-, Elektronik- und Automobil-Industrie arbeiten. China, Japan und Südkorea beziehen erhebliche Teile ihres Energiebedarfs aus dem Persischen Golf. Kommt es dort zu Engpässen, verlangsamt sich die Produktion - mit Folgewirkungen für Unternehmen weltweit, die auf asiatische Vorleistungen angewiesen sind. Dies zeigt, wie eine geographisch weit entfernte Krise in wenigen Wochen in europäischen oder amerikanischen Fabrikhallen spürbar werden kann.
Auch die Schifffahrtsindustrie selbst reagiert auf Krisen in der Region mit erheblichen Kostensteigerungen. Versicherungsprämien für Tanker in der Nähe des Persischen Golfs steigen in Krisenzeiten sprunghaft. Reedereien verlangen höhere Risikoaufschläge oder weichen - wenn irgend möglich - auf andere Routen aus. Diese Zusatzkosten werden letztlich auf die Endverbraucher umgelegt.
Eine häufig gestellte Frage lautet: Könnte man die Straße von Hormus einfach umgehen? Die ernüchternde Antwort ist: nur zu einem kleinen Teil, und mit erheblichem Aufwand.
Saudi-Arabien hat in die East-West-Pipeline (Petroline) investiert, die Rohöl von den Ostprovinzen des Landes quer durch die arabische Halbinsel zum Roten Meer transportiert. Die Kapazität liegt bei rund 5 Millionen Barrel pro Tag, die tatsächliche Auslastung jedoch deutlich darunter. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben eine Pipeline gebaut, die Öl vom Binnenfeld Habshan zum Hafen Fujairah am Golf von Oman leitet, also südlich der Meerenge - mit einer Kapazität von etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag.
Zusammengenommen könnten diese Alternativrouten also maximal rund 2,6 Millionen Barrel pro Tag am Hormus vorbei transportieren. Angesichts von 20 Millionen Barrel täglich, die durch die Meerenge fließen, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Länder Katar, Kuwait, Irak und Iran selbst haben keinerlei alternative Exportmöglichkeiten. Sie sind vollständig auf die Durchfahrt durch die Meerenge angewiesen.
Ein weiterer theoretischer Ausweg wäre die Reaktivierung von Pipelines, die einst in Richtung Mittelmeer oder Rotes Meer gebaut wurden, etwa die irakisch-syrische oder die irakisch-türkische Pipeline. Doch diese Infrastruktur ist teils zerstört, teils politisch nicht nutzbar. Selbst wenn man sie reaktivieren wollte, wären Monate oder Jahre nötig - Zeit, die in einer akuten Krise nicht vorhanden ist.
Die Geschichte der Straße von Hormus ist auch eine Geschichte von Krisen, aus denen die internationale Gemeinschaft - mit unterschiedlichem Erfolg - Lehren gezogen hat.
Der Tankerkrieg der 1980er Jahre zwischen Iran und Irak war das erste große Warnsignal. Beide Seiten griffen systematisch Öltanker im Persischen Golf an, um die Öleinnahmen des Gegners zu treffen. Hunderte Schiffe wurden beschädigt oder versenkt. Die Weltwirtschaft konnte dies halbwegs verkraften, weil einerseits die Sowjetunion als alternativer Produzent verfügbar war und andererseits die Nachfrageseite aufgrund der hohen Ölpreise der späten 1970er Jahre bereits geschwächt war. Dennoch zeigte die Krise, wie verletzlich der globale Energietransport ist.
Als Reaktion auf wiederkehrende Risiken haben die großen Industriestaaten das System der Strategischen Petroleumreserven (SPR) ausgebaut. Die USA verfügen über die weltgrößte strategische Reserve, die theoretisch für mehrere Monate Grundbedarf ausreicht. Koordiniert über die Internationale Energieagentur (IEA) können die Mitgliedsstaaten gemeinsam Reserven freigeben, um Preisspitzen zu dämpfen. Dies ist in der Vergangenheit mehrfach geschehen, zuletzt großflächig nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022.
Doch diese Reserven sind endlich. Sie sind als Puffer für kurzfristige Unterbrechungen konzipiert, nicht als dauerhafter Ersatz für eine der wichtigsten Ölrouten der Welt. Eine monatelange Blockade würde die strategischen Reserven erschöpfen und die Weltwirtschaft in eine tiefe Energiekrise stürzen.
Auf unternehmerischer Ebene hat die COVID-19-Pandemie ein Umdenken angestoßen: Die exzessive Abhängigkeit von langen, fragilen Just-in-Time-Lieferketten wurde als strukturelles Risiko erkannt. Seitdem sprechen viele Konzerne von "Reshoring" oder "Nearshoring" - der Rückverlagerung oder regionalen Diversifizierung von Produktion. Doch dieser Prozess ist langsam, teuer und bei weitem nicht abgeschlossen. Kurzfristig hat sich die grundlegende Verwundbarkeit kaum verringert.
Auf energiepolitischer Ebene beschleunigt jede Krise in der Region die Diskussion über die Reduzierung fossiler Abhängigkeiten. Erneuerbare Energien, Elektromobilität und Energieeffizienz werden als langfristige Antworten auf geopolitische Risiken diskutiert. Tatsächlich ist der Anteil erneuerbarer Energien in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Doch die Weltwirtschaft ist noch weit davon entfernt, eine Schließung der Straße von Hormus ohne massive Verwerfungen verkraften zu können.
Aus iranischer Perspektive ist die Straße von Hormus ein zweischneidiges Schwert. Sie ist das schärfste Druckmittel, das Teheran gegenüber dem Westen und seinen regionalen Gegnern besitzt. Die bloße Drohung mit einer Blockade hat in der Vergangenheit regelmäßig gereicht, um Ölpreise zu bewegen und diplomatischen Druck zu erzeugen. Doch die Umsetzung dieser Drohung würde Iran selbst massiv schädigen.
Der Iran exportiert sein Öl ebenfalls durch die Meerenge. Eine dauerhafte Sperrung würde die eigenen Einnahmen abschneiden, die ohnehin durch internationale Sanktionen stark beschränkt sind. Darüber hinaus würde Iran die Beziehungen zu seinen wichtigsten Abnehmern - allen voran China - schwer belasten. China hat großes Interesse an stabilen Energielieferungen und würde eine iranische Blockadepolitik, die Pekings eigene Wirtschaft gefährdet, nicht tolerieren. Nicht zuletzt würden auch die arabischen Nachbarstaaten - Kuwait, Irak, die Emirate, Katar -, die wirtschaftlich auf die freie Durchfahrt angewiesen sind, massiven Druck auf Teheran ausüben.
Die Blockade der Straße von Hormus ist also weniger eine Waffe, die Iran beliebig einsetzen kann, sondern eher eine nukleare Option im übertragenen Sinne: Sie ist glaubwürdig genug, um zu drohen, aber ihre tatsächliche Anwendung würde alle Beteiligten - einschließlich Iran - in den Abgrund reißen.
Die Straße von Hormus ist mehr als ein geographischer Engpass. Sie ist der Kristallisationspunkt der globalen Energieabhängigkeit, ein Symbol für die strukturelle Fragilität des auf fossilen Brennstoffen basierenden Weltwirtschaftssystems und ein permanenter Brennpunkt geopolitischer Spannungen. Auf 50 km Breite entscheidet sich mit, ob die Weltwirtschaft läuft oder stockt.
Die Ereignisse vom März 2026 zeigen erneut, wie unmittelbar diese abstrakt wirkenden geopolitischen Risiken werden können. Jede Krise in der Region ist auch eine Erinnerung daran, dass die Resilienz der globalen Wirtschaft gegenüber dieser einen Engstelle nach wie vor unzureichend ist. Strategische Reserven federn kurzfristige Schocks ab, alternative Pipelines ersetzen einen kleinen Bruchteil des Volumens, und der Übergang zu erneuerbaren Energien schreitet voran - aber zu langsam, um heute schon Schutz zu bieten.
Langfristig liegt die einzige wirkliche Antwort auf das Hormus-Dilemma in der Diversifizierung: von Energiequellen, von Lieferketten, von Transportrouten. Solange die Welt jedoch in dem Maße von fossilen Brennstoffen aus dem Persischen Golf abhängt wie heute, bleibt die Straße von Hormus das, was sie immer war: ein Nadelöhr, durch das ein erheblicher Teil des globalen Wohlstands fließt - und das von einer einzigen geopolitischen Entscheidung blockiert werden kann.