Zurück  •  Startseite Geschichte-Regional.de  •  Impressum & Datenschutz

Das Silicon Valley

Das Silicon Valley ist ein historisches Phänomen: eine Innovations­gesell­schaft, die man kaum planen oder replizie­ren kann. Die Tech­nologie­region ent­stand aus der Be­gegnung eines visio­nären Professors mit einer Gruppe frustrier­ter Ingenieure, aus Militär­geldern und Risiko­kapital, aus einem günsti­gen Gesetz und einem günsti­gen Klima, aus Gegen­kultur und Ingenieurs­geist.

Das Silicon Valley - benannt nach dem chemischen Element Silizium, dem Grundstoff der Halb­leiter-Industrie - ist heute Synonym für tech­nolo­gische Innova­tion, Risiko­kapital und eine Unter­neh­mens­kultur, die die gesamte Wirt­schaftswelt beeinflusst hat. Doch dieser Auf­stieg war keine Selbst­verständ­lich­keit. Er war das Ergeb­nis einer einzig­arti­gen Verket­tung von geo­grafi­schen Gegeben­heiten, visio­nären Einzel­personen, staat­li­cher Förderung, recht­li­chen Rahmenbedin­gun­gen und einer sich selbst verstärkenden Dynamik aus Talent, Kapital und Risikobereit­schaft. Um zu verstehen, wie aus Obstgärten und Militärflughäfen das Zentrum der globalen Technologiewirt­schaft wurde, muss man weit zurückblicken.

Kalifornien als Peripherie

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts war die Region um San Francisco und die süd­liche Bay Area wirt­schaft­lich vor allem durch Landwirt­schaft ge­prägt. Das Santa Clara Valley, wie es damals hieß, war bekannt für Pflaumen-, Aprikosen- und Kirschplantagen. San Francisco war zwar eine be­deutende Hafen­stadt und das wirt­schaft­liche Zentrum West­kaliforniens, aber technolo­gisch und indus­triell spielte die gesamte West­küste im Ver­gleich zur etablier­ten Ostküste eine Neben­rolle.

Die Ostküste - insbeson­dere New York, Boston und die industriel­len Zentren des Mittle­ren Westens - war der Ort, an dem die großen Konzerne des frühen 20. Jahr­hun­derts ent­standen. AT&T, General Electric, IBM und später Bell Labs prägten die Technolo­gie-Land­schaft der USA. Diese Unter­neh­men operier­ten nach einem klar definier­ten Modell: Großkonzern, Zentrali­sierung, lebens­lange An­stellung, strenge Hierarchie. Forschung fand in internen Laborato­rien statt, Ergeb­nisse blieben Eigen­tum des Unter­neh­mens, und Mitarbeiter, die wechselten oder gar konkurrierende Firmen gründeten, wurden durch Non-Compete-Klauseln recht­lich eingeschränkt.

Dieser Kontext ist ent­scheidend: Das Silicon Valley ent­stand nicht trotz der Ost­küste, sondern teilweise *als Reaktion* auf deren Kultur.

Stanford und der unternehmerische Samen

Die Stanford University, 1885 von Leland Stanford ge­gründet, lag von Beginn an in Palo Alto - mitten in dem Gebiet, das später zum Silicon Valley werden sollte. Doch erst durch einen Mann wurde sie zur eigent­li­chen Keimzelle der technolo­gischen Revolution: Frederick Terman, Professor für Elektro­technik und später Dekan der School of Engineering.

Terman hatte selbst am MIT studiert und kannte die Ost­küste gut. Bewusst ver­folgte er jedoch eine andere Vision: Er wollte, dass die besten Ingenieu­re und Wissen­schaft­ler *vor Ort* blieben und die Region selbst aufbauten, anstatt nach New York oder Boston ab­zuwandern. In den 1930er Jahren ermutigte er zwei seiner Lieblings­schüler - William Hewlett und David Packard - dazu, ihr eigenes Unter­neh­men zu gründen. Er lieh ihnen sogar persön­lich 538 Dollar als Starthilfe.

1939 gründeten Hewlett und Packard in einer Garage in Palo Alto die Hewlett-Packard Company - ein Datum, das oft als symboli­sche Geburts­stunde des Silicon Valley gilt. Die Garage exis­tiert bis heute und ist als histo­risches Wahr­zeichen geschützt. HP begann mit der Herstel­lung von Audio­mess­geräten und wuchs in den folgen­den Jahr­zehnten zu einem der be­deutends­ten Technologie­konzerne der Welt.

Doch Terman hörte nicht bei Einzel­personen auf. Er trieb die Gründung des Stanford Industrial Park (heute Stanford Research Park) voran, der 1951 eröffnet wurde. Auf universitäts­eigenem Land wurden Unter­neh­men zu günstigen Kondi­tio­nen angesiedelt - eine damals revolutio­näre Idee. Stanford schuf damit be­wusst eine physi­sche Brücke zwi­schen akade­mischer Forschung und kommer­ziel­ler An­wendung. Varian Associates war das erste Unter­neh­men, das sich dort niederließ, weitere folg­ten schnell.

Diese Verbindung zwischen Universi­tät und Industrie war funda­mental anders als an der Ost­küste. MIT und Harvard be­trieben exzel­lente For­schung, aber der Technologie­transfer in Unter­neh­men war langsamer, die akademische Kultur ab­gegrenzter. Stanford pflegte von Beginn an eine enge, institutiona­lisierte Be­ziehung zur Wirt­schaft - und dieser Unter­schied sollte sich als ent­scheidend er­weisen.

Militärgelder und der Kalte Krieg als Katalysator

Ein häufig unterschätzter Faktor in der frühen Entwick­lung des Silicon Valley ist die Rolle des amerika­nischen Mili­tärs. Nach dem Zweiten Welt­krieg und mit Beginn des Kalten Krieges inves­tier­ten das Pentagon und die NASA massiv in Technologie­entwicklung. Kalifornien profi­tierte über­proportional davon.

In der Region befanden sich mehrere militä­rische Ein­richtun­gen: der Moffett Federal Air­field (heute Moffett Field) in Mountain View, wo die NASA den Ames Research Center betrieb, sowie Einrich­tun­gen der US Navy und der Luftwaffe. Lockheed - einer der größten Rüstungs­konzerne - hatte seinen Haupt­sitz in Sunnyvale und be­schäftigte Zehn­tausende von Ingenieu­ren in der Region.

Terman selbst hatte im Zweiten Weltkrieg das Radio Research Laboratory in Harvard ge­leitet und kehrte mit besten Kontak­ten zur Militär­forschung zurück. Er sicherte Stanford umfang­reiche Förder­gelder und Forschungs­aufträge vom Verteidigungs­ministerium. Für viele Startups und Technologie­unternehmen der 1950er und 1960er Jahre war das Militär der erste und wichtigs­te Kunde.

Dieser staat­liche Kapital­fluss erfüllte eine Funktion, die heute Risiko­kapital über­nimmt: Er finan­zierte risiko­reiche Technologie­entwick­lung in einer frühen Phase, in der private Investo­ren noch zöger­ten. Ohne diese Militär­aufträge hätte die Halb­leiter­industrie in der Region vermut­lich deut­lich langsamer Fahrt auf­genommen.

Der Transistor, Shockley und der eigent­liche Urknall

Die Geschichte der Halbleiter­industrie im Silicon Valley be­ginnt nicht in Kalifor­nien, sondern in New Jersey. 1947 erfanden William Shockley, John Bardeen und Walter Brattain bei den Bell Labs in Murray Hill den Transistor - eine Erfindung, die die Elektro­nik revolu­tio­nie­ren und die Grund­lage aller moder­nen Computer bilden sollte. 1956 erhiel­ten sie dafür den Nobel­preis für Physik.

Shockley war der charisma­tischs­te und ehr­geizigs­te der drei, aber auch der schwierigs­te. Nach inter­nen Konflik­ten bei Bell Labs be­schloss er 1956, ein eigenes Unter­neh­men zu gründen. Die Wahl des Stand­orts war denkbar persönlich: Seine Mutter lebte in Palo Alto, und so gründe­te er Shockley Semi­conductor Labora­tory in Mountain View - mitten im späte­ren Silicon Valley.

Er war ein weltbekannter Wissen­schaftler und hatte keine Mühe, die besten jungen Ingenieu­re des Landes an­zuziehen. Darunter waren acht außer­gewöhn­lich talentier­te Männer, die später die ge­samte Branche prägen soll­ten.

Doch Shockley erwies sich als katastro­phaler Manager. Er war paranoid, miss­trauisch gegen­über seinen eige­nen Mitarbei­tern und traf strate­gisch frag­würdige Ent­scheidun­gen. Er be­stand darauf, an Vier-Schicht-Dioden zu arbeiten, obwohl seine Ingenieure das Potenzial von Silizium-Transis­toren er­kannten. Er ließ Mitarbei­ter Lügen­detektor­tests unter­ziehen. Die Arbeits­atmos­phäre war ver­giftet.

1957 zogen die acht Ingenieure die Konse­quenz: Sie kündig­ten gemein­sam. Shockley nannte sie darauf­hin die „Traitorous Eight“ - die verräteri­schen Acht. Es war eines der be­deutsams­ten Kündigungs­schreiben in der Wirt­schaftsgeschichte.

Fairchild Semiconductor: Die Mutter aller Startups

Die acht Ex-Shockley-Mitarbeiter standen vor einem Problem: Sie brauch­ten Kapital. Sie wand­ten sich an Arthur Rock, einen Invest­ment­banker aus New York, der wiederum Sherman Fairchild über­zeugte, die Gruppe zu finanzieren. Mit 1,5 Millio­nen Dollar Start­kapital gründe­ten sie 1957 Fairchild Semiconductor in Mountain View.

Dieses Ereignis war in mehrfacher Hinsicht historisch:

Erstens entwickelten sie bei Fairchild den integrier­ten Schalt­kreis (Integrated Circuit, IC) - Noyce und der un­abhän­gig davon arbeiten­de Jack Kilby bei Texas Instru­ments gelten als seine Er­finder. Der integrier­te Schalt­kreis er­möglich­te es, viele Transisto­ren auf einem einzi­gen Silizium-Chip unter­zubringen, was Elektro­nik dras­tisch kleiner, schneller und billi­ger machte.

Zweitens etablierte Fairchild ein neues Geschäfts­modell: Aktienop­tio­nen für Mitarbei­ter. Statt hoher Gehälter be­kamen die Gründer Unter­neh­mens­anteile - ein Anreiz­modell, das heute im Silicon Valley all­gegen­wärtig ist, damals aber revolu­tio­när war.

Drittens wurde Fairchild zur Kaderschmiede einer ganzen Indus­trie. Aus dem Unter­neh­men heraus ent­stan­den über die Jahre Dutzende von Nach­folge­unternehmen - man nennt sie kollek­tiv die „Fairchildren“. Gordon Moore und Robert Noyce verließen Fair­child 1968 und gründe­ten Intel. Eugene Kleiner wurde einer der ein­fluss­reichs­ten Risiko­kapital­geber der Region. Die Wissens- und Talent­diffusion, die von Fair­child aus­ging, war beispiel­los.

Intel unter Noyce und Moore ent­wickelte 1971 den Intel 4004 - den ersten kommer­ziell erhält­li­chen Mikro­prozes­sor. Auf einem einzi­gen Chip be­fanden sich 2.300 Transisto­ren und die Rechenleis­tung eines Computers, der zuvor einen ganzen Raum ge­füllt hätte. Der Sieges­zug des Personal Computers be­gann.

Warum Kalifornien?

Wenn man fragt, warum das Silicon Valley in Kalifor­nien ent­stand und nicht etwa in Massachu­setts, Texas oder Illinois, kommt man an einem recht­li­chen Detail nicht vorbei: Kalifornien ver­bietet Non-Compete-Klauseln.

In den meisten US-Bundesstaaten konnten Arbeit­geber Mit­arbeiter vertrag­lich daran hindern, nach einer Kündi­gung für einen Wett­bewerber zu arbeiten oder ein konkurrie­rendes Unter­neh­men zu grün­den - oft für mehrere Jahre. In Kalifornien war und ist das per Gesetz unter­sagt.

Die Folge war dramatisch: Wenn ein Ingenieur bei Fairchild eine bessere Idee hatte, konnte er kündi­gen und morgen ein eigenes Unter­neh­men gründen - legal, ohne Konse­quenzen. Dieses Recht auf Mobili­tät und Neu­gründung beschleunigte die Wissensverbrei­tung enorm. Ideen diffundierten schneller durch die Branche. Fehler wurden schneller korri­giert. Neue Unter­neh­men ent­standen in einem Tempo, das anderswo struktu­rell unmög­lich ge­wesen wäre.

In Kombination mit Stanfords unternehme­rischer Kultur und der Konzentra­tion von Talent in der Region schuf dieses recht­liche Um­feld einen positi­ven Rück­kopplungs­kreis­lauf: Mehr Unter­neh­men zogen mehr Talente an, mehr Talente gründeten mehr Unter­neh­men, mehr Unter­neh­men zogen mehr Kapi­tal an.

Entstehung des Risikokapitals

Parallel zur Halbleiterindustrie ent­stand eine weitere Innova­tion, die für das Silicon Valley genauso charakte­ris­tisch werden sollte: das moder­ne Venture Capital (Risiko­kapital).

Arthur Rock, der die Fairchild-Gründung arran­giert hatte, ließ sich dauer­haft in San Fran­cisco nieder und wurde einer der ersten pro­fessio­nellen Risiko­kapital­geber der Region. 1961 legte er einen der ersten formellen Venture-Capital-Fonds auf. Er investierte früh in Unter­neh­men wie Intel und Apple.

Die Sand Hill Road in Menlo Park ent­wickelte sich ab den späten 1960er Jah­ren zur wichtigs­ten Adresse der Risiko­kapital­branche. Das Venture-Capital-Modell unter­schied sich funda­mental von traditio­neller Banken­finanzie­rung: Statt Sicher­hei­ten und stabiler Cash­flows such­ten Risiko­kapital­geber nach Ideen und Teams mit exponentiel­lem Wachstumspotenzial. Sie akzeptierten, dass die meisten Invest­ments scheitern würden - ein oder zwei große Erfolge würden alle Ver­luste über­kompen­sieren. Dieses Denken in Exponen­ten und Asymme­trien prägte die ge­samte Kultur des Silicon Valley.

1970er Jahre: Personal Computer

Die 1970er Jahre brachten eine weitere, un­erwar­tete Zutat: die kalifor­nische Gegen­kultur. Die Hippie-Bewegung, die Anti-Kriegsbewe­gung und das liber­täre Denken dieser Ära hat­ten ihren Schwer­punkt in San Francisco und der Bay Area. Auf den ersten Blick scheint das wenig mit Halb­leitern zu tun zu haben - doch der Einfluss war real.

Viele der Pioniere des Personal Computers teilten eine utopi­sche Vision: Technolo­gie als Mittel zur Demokrati­sie­rung von Informa­tion und Macht. Der Computer sollte nicht mehr das Werk­zeug von Konzer­nen und Regie­run­gen sein, sondern des Einzelnen. Diese Idee trieb den Homebrew Computer Club an, der ab 1975 in Menlo Park tagte und dessen Mit­glieder regel­recht be­sess­sen davon waren, Computer für alle zugäng­lich zu machen.

Zwei Mitglieder dieses Clubs - Steve Jobs und Steve Wozniak - gründe­ten 1976 Apple Computer in einer Garage in Los Altos. Wozniak hatte den Apple I gebaut; Jobs er­kannte das kommer­zielle Potenzial. 1977 erschien der Apple II, einer der ersten wirk­lich erfolgreichen Personal Computer. 1984 revolutio­nierte der Macintosh mit seiner grafi­schen Benutzer­oberfläche die Mensch-Computer-Interak­tion.

Apple verkörperte eine neue Dimension des Silicon Valley: Es ging nicht mehr nur um Ingenieur­leistung, sondern um Design, Be­nutzer­erfah­rung und kultu­relle Wirkung. Jobs ver­stand den Computer als Kultur­gut, nicht als Werkzeug.

Zeitgleich erschuf Xerox PARC (Palo Alto Research Center) in diesen Jahren eine erstaun­liche Fülle von Innova­tionen: grafi­sche Benutzer­ober­flächen, die Computer­maus, Ethernet-Netz­werke, Laser­drucker. Xerox selbst kommerzialisierte kaum davon - Apple und später Microsoft taten es.

Die 1980er Jahre: IBM, Microsoft und der PC-Krieg

Als IBM 1981 seinen Personal Computer vor­stellte, war das ein Wende­punkt - aller­dings ein, der das Silicon Valley letzt­lich stärkte, nicht schwäch­te. IBM hatte, getrie­ben von Zeit­druck, eine wichtige strate­gische Entscheidung getroffen: statt alles selbst zu ent­wickeln, kaufte man Komponen­ten auf dem freien Markt ein.

Das Betriebssystem kam von Microsoft - einem kleinen Unter­neh­men aus Albuquer­que, New Mexico, das 1975 von Bill Gates und Paul Allen ge­grün­det und 1979 nach Redmond, Washington ver­legt worden war. Microsoft lizenzierte das Betriebssystem MS-DOS an IBM, behielt aber die Rechte daran - eine der klügs­ten Vertrags­verhand­lun­gen der Wirt­schafts­geschich­te. Als der IBM-PC ein Riesen­erfolg wurde und un­zählige Her­steller IBM-kompatible Klone bauten, lief auf jedem von ihnen Microsoft-Software.

Die Prozessoren kamen von Intel - eben­falls nicht von IBM selbst. Intel, bereits im Silicon Valley ver­wurzelt, wurde durch den IBM-PC-Standard zum dominan­ten Chip­hersteller der Welt.

IBM hatte damit unbeabsichtigt das Silicon Valley und seine Zu­lieferer ins Zentrum der auf­kommen­den PC-Industrie ge­setzt. Die so­genannte „Wintel“-Allianz (Windows + Intel) dominier­te die 1990er Jahre.

Microsoft selbst blieb bewusst in der Nähe von Seattle - geo­grafisch und kultu­rell ge­trennt vom Silicon Valley. Aber die Hard­ware-Grund­lage, auf der Windows lief, kam konse­quent aus Santa Clara County.

1990er Jahre: Das Internet

Mit der Kommerzialisierung des Internets in den frühen 1990er Jah­ren begann eine neue, drama­tische Phase. Das World Wide Web, ursprüng­lich am CERN in der Schweiz von Tim Berners-Lee er­funden, wurde durch den Netscape Naviga­tor (1994) einer breiten Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht. Netscape wurde in Mountain View ge­gründet und ging 1995 an die Börse - der erste große Internet-IPO und Start­schuss für eine Gründer­welle ohne­gleichen.

Das Silicon Valley verwandelte sich. Zu den Halb­leiter- und Hardware­unternehmen ge­sell­ten sich nun Software­firmen, Internet­portale, E-Commerce-Platt­formen. Yahoo (1995), eBay (1995), Google (1998) - sie alle ent­standen in dieser Ära in der Region. Stanford spielte wieder eine Schlüssel­rolle: Google wurde von Larry Page und Sergey Brin als Stanford-Forschungs­projekt ge­star­tet.

Das Risikokapital floss in nie dagewese­ner Menge. Jede Idee mit „.com“ im Namen schien finanzier­bar. Bewer­tun­gen explodier­ten, Börsen­gänge wurden ge­feiert, Papier­vermögen ent­standen über Nacht.

Dann, im März 2000, platzte die Dotcom-Blase. Der NASDAQ-Index verlor binnen zwei Jahren fast 80% seines Wertes. Hunderte Unter­neh­men ver­schwan­den. Milliar­den an Kapital wurden ver­nichtet. Es war der erste schwere Ab­sturz des Silicon Valley.

2000er Jahre: Aufstieg der Plattformen

Nach dem Crash folgte eine Konsolidie­rung. Nur die Unter­neh­men mit trag­fähigen Ge­schäfts­modellen über­lebten. Google wuchs weiter und wurde durch sein Werbe­modell (AdWords, 2000) zum dominan­ten Akteur. 2004 ging Google an die Börse und wurde zu einem der wert­volls­ten Unter­neh­men der Welt.

2004 gründete Mark Zuckerberg in Harvard Facebook - zunächst für Studen­ten, dann für alle. Das Unter­neh­men siedelte sich bald in Palo Alto und später Menlo Park an. Die sozia­len Netz­werke schufen eine neue Katego­rie: Plattformen, die nicht Produkte, sondern Netzwerk­effekte ver­kauf­ten. Je mehr Menschen sie nutz­ten, desto wert­voller wurden sie.

2007 veränderte Apple erneut die Welt: Das iPhone kombi­nierte Mobil­telefon, iPod und Internet­browser und schuf damit nicht nur ein Gerät, sondern ein ganzes Öko­system. Der App Store (2008) ermöglich­te eine neue Genera­tion von Software­unternehmen.

Diese Plattform-Ökonomie - Google (Suche und Werbung), Facebook (soziale Netz­werke), Apple (Hardware-Ökosystem), später Amazon (Cloud und E-Commerce) und Microsoft (Enterprise-Software und Cloud) - definier­te das Silicon Valley der 2010er Jahre. Fünf Unter­neh­men, bekannt als FAANG, konzen­trier­ten eine Markt­macht, die es in dieser Form zuvor nicht ge­geben hatte.

Die KI-Revolution

Die neueste Epoche des Silicon Valley ist die der künst­li­chen Intelligenz. Auch hier liegen die wissen­schaft­li­chen Wurzeln anderswo - in den Universi­täten der Ostküste und Kanadas, bei Geoffrey Hinton in Toronto, bei Yoshua Bengio in Montreal. Aber das Silicon Valley zog die Talente, das Kapital und die Rechen­kapazität an.

Google DeepMind (durch die Akquisi­tion von DeepMind London ent­standen), OpenAI (gegrün­det 2015 in San Fran­cisco, u.a. von Elon Musk und Sam Altman), Anthropic (2021 von ehemali­gen OpenAI-Mitarbei­tern ge­gründet, ebenfalls San Fran­cisco) - sie alle sind in der Region ver­wurzelt. Das 2017 bei Google Brain ent­wickelte Transformer-Modell, auf dem die meisten moder­nen Large Language Models basieren, ent­stand in Mountain View.

Das Muster wiederholt sich: Wissen­schaft­liche Grund­lagen ent­stehen welt­weit, aber die Kommerzia­li­sie­rung und Skalie­rung findet im Silicon Valley statt - weil dort das Kapital, das Talent und die Infra­struk­tur konzen­triert sind.

Die Kultur als Produkt und Exportgut

Was das Silicon Valley einzigartig macht, ist nicht nur seine Tech­nologie­geschichte, sondern die Kultur, die es hervor­gebracht hat. Diese Kultur lässt sich in eini­gen Prinzi­pien zu­sammen­fassen:

Scheitern als Lernchance: Im Gegen­satz zur Ostküsten-Konzern­kultur, wo Fehler Karrieren be­ende­ten, wurde im Silicon Valley das Scheitern normali­siert. Wer ein Startup in den Sand ge­setzt hatte, galt als er­fahren, nicht als ge­schei­tert.

Move fast and break things: Die Bereit­schaft, unfertige Produkte auf den Markt zu bringen und iterativ zu ver­bessern, war revolu­tio­när gegen­über dem tradi­tio­nellen Ent­wicklungs­modell.

Aktienoptionen als Demokrati­sie­rung: Jeder Mitarbei­ter sollte am Erfolg teil­haben. Das schuf enorme Anreize und band Talente an Unter­neh­men.

Netzwerke über Hierarchien: Das Silicon Valley funktio­niert bis heute stark über persön­liche Netz­werke - Kontakte, Mentoren, frühere Kolle­gen. Die Dichte dieser Netz­werke in einem kleinen geo­grafi­schen Raum ist ein struktu­reller Wett­bewerbs­vorteil.

Utopischer Technikoptimismus: Eine tief ver­wurzelte Über­zeugung, dass Technolo­gie die Welt ver­bessert - manchmal naiv, manch­mal visio­när, immer an­treibend.

Diese Kultur wurde exportiert: nach Berlin, London, Tel Aviv, Singapur, Bangalore. Überall auf der Welt ent­stan­den „Silicon Some­things“, die das Vor­bild zu replizie­ren ver­such­ten. Keine er­reichte bislang die­selbe Dichte an Kapital, Talent und Netzwerk­effekten.

Kritik

Eine ehrliche historische Betrach­tung des Silicon Valley kommt nicht ohne seine Schatten­seiten aus.

Die Konzentration von Markt­macht bei wenigen Plattform-Unter­nehmen hat Wett­bewerb er­stickt, Datenschutz­rechte unter­graben und demokra­tische Pro­zesse durch soziale Medien ver­zerrt. Die Ungleichheit in der Region ist extrem: Weltklasse-Ingenieure mit Millionen­gehältern leben neben Menschen, die sich keine Wohnung mehr leis­ten können. Die Immobi­lien­preise im Silicon Valley ge­hören zu den höchs­ten der Welt, was einfache Arbeiter und Familien aus der Region ver­treibt.

Die Diversity-Problematik ist struktu­rell: Die Branche ist bis heute dominiert von weißen und asia­ti­schen Männern. Frauen und Schwarze Amerika­ner sind in Führungs­posi­tio­nen massiv unter­repräsen­tiert. Die Ver­sprechen der Inklusion wurden bis­lang nur un­zureichend ein­gelöst.

Und die gesellschaft­liche Verantwor­tung großer Platt­formen gegen­über Des­informa­tion, psychi­scher Gesund­heit, beson­ders von Jugend­lichen, und dem Miss­brauch von Nutzer­daten ist eine un­gelöste Frage, die die Poli­tik weltweit beschäftigt.

Ein Ort und ein Modell

Was im Silicon Valley entstand, ist mehr als eine Indus­trie: Es ist ein Modell der Innova­tions­gesell­schaft, das die Art, wie die Welt Tech­nolo­gie ent­wickelt, finan­ziert, ver­marktet und konsu­miert, funda­mental ver­ändert hat. Von der Garage Hewletts und Packards über den Ur­knall der Traitorous Eight bis zur KI-Revolu­tion der Gegen­wart zieht sich ein roter Faden: die Über­zeugung, dass kleine Gruppen brillan­ter, risiko­freudiger Menschen die Welt ver­ändern können.

Ob das Silicon Valley auch die nächsten großen Revolu­tio­nen - in der Bio­technolo­gie, der Quanten­computer oder der künst­li­chen Intelli­genz - anfüh­ren wird, bleibt offen. Die Konkur­renz aus China, Europa und anderen amerika­nischen Technologie­hubs wächst. Aber die histo­rische Leis­tung des kleinen Land­strichs zwi­schen San Francisco und San Jose ist un­bestreit­bar: Kaum irgendwo sonst hat eine so kleine geo­grafische Region die Welt so grund­legend um­gestal­tet.


Zurück  •  nach oben  • Startseite Geschichte-Regional.de